Dienstag, 27. Januar 2026

Industriewandel und gesellschaftliche Verschiebungen ...

 

Industriewandel und gesellschaftliche Verschiebungen –

Was der Rückgang des produzierenden Gewerbes für Rheinland-Pfalz bedeutet.

Ein paar Gedanken von mir dazu:

Der Arbeitsmarkt in Rheinland-Pfalz scheint nur auf den ersten Blick stabil. Die Zahl der Erwerbstätigen ist rückläufig, große Ausschläge bleiben noch aus. Doch diese scheinbare Ruhe trügt. Hinter leise sinkenden Gesamtzahlen verbirgt sich ein tiefgreifender Strukturwandel, der Wirtschaft, Gesellschaft und politische Stabilität unseres Landes nachhaltig verändert. Besonders alarmierend ist dabei der deutliche Rückgang im produzierenden und verarbeitenden Gewerbe – also genau in jenen Branchen, die über Jahrzehnte das Rückgrat unseres Wohlstands gebildet haben. Das produzierende Gewerbe gilt als unser gesellschaftliches Fundament! Industrie ist mehr als ein Wirtschaftszweig. Das produzierende Gewerbe steht für tariflich abgesicherte Arbeitsplätze, für Qualifikation, für soziale Aufstiegschancen und für regionale Wertschöpfung. In Rheinland-Pfalz war es lange Garant für stabile Kommunen, lebendige Mittelstädte und eine starke Mittelschicht. Wenn nun erstmals seit 2010 weniger als 500.000 Menschen in diesem Bereich arbeiten, dann ist das kein statistisches Detail, sondern ein Warnsignal. Der Rückgang um über zwei Prozent innerhalb eines Jahres zeigt: Industriearbeitsplätze verschwinden schneller, als neue gleichwertige entstehen. Wer glaubt, man könne diese Verluste einfach durch Dienstleistungsjobs kompensieren, verkennt die soziale Realität.

Dienstleistungswachstum – aber zu welchem Preis?

Zwar wächst der Dienstleistungssektor insgesamt langsam, doch das Wachstum konzentriert sich fast ausschließlich auf öffentliche, soziale und erzieherische Dienstleistungen. Diese Bereiche sind unverzichtbar für eine funktionierende Gesellschaft – doch sie können industrielle Wertschöpfung nicht ersetzen. Sie hängen im Gegenteil selbst von einer starken Realwirtschaft ab, die Steuern zahlt und Investitionen ermöglicht. Ohne diese geraten Kommunen flächendeckend in defizitäre Haushalte, wie bereits in den vergangenen Jahren erlebt. Diesen Prozess durch Schulden für die kommenden Generationen abzufangen ist ein "christ- und sozialdemokratisches Himmelfahrtskommando" der Untergang unserer Volkswirtschaft wie wir sie kennen.

Gleichzeitig schrumpfen klassische Dienstleistungsbereiche wie Handel, Verkehr, Gastgewerbe oder Unternehmensdienstleistungen. Das zeigt: Wir erleben keinen ausgewogenen Strukturwandel, sondern eine einseitige Verschiebung hin zu einem staatlich getragenen Dienstleistungsmodell, während private Wertschöpfung erodiert. Und dieses Talfahrt führt uns früher oder später in die Wertmarkenbasierte Brotschlange.

Die Prekarisierung der Gesellschaft statt Perspektive ...?

Besonders problematisch ist der Rückgang marginaler Beschäftigung bei gleichzeitig fehlendem Aufbau neuer, gut bezahlter Arbeitsplätze im industriellen Bereich. Ganze Berufsbiografien verlieren ihre Perspektive. Facharbeiterinnen und Facharbeiter, die jahrzehntelang produktiv gearbeitet haben, finden sich zunehmend in unsicheren oder fachfremden Beschäftigungen wieder – wenn überhaupt. In manchen Altersklassen gibt es gar keine Perspektive mehr. Was im Zeichen einer immer älter werdenden Gesellschaft nur zur Demographischen Katastrophe werden kann. Altersarmut die Perspektive für viele Tausend Menschen auch bei uns in Rheinland-Pfalz. Gesellschaftlich führt das zu Verunsicherung, zu Abstiegsängsten und zu wachsender Skepsis gegenüber politischen Versprechen. Regionen mit industriellem Rückzug verlieren nicht nur Jobs, sondern auch Identität, Kaufkraft und Zukunftschancen für junge Menschen.

Politische Verantwortung trifft auf Marktgläubigkeit

Aus meiner Sicht ist diese Entwicklung kein Naturgesetz. Sie ist Ergebnis politischer Entscheidungen: einer Energiepolitik, die industrielle Produktion verteuert, einer Investitionspolitik, die Infrastruktur vernachlässigt, und einer Standortpolitik, die sich zu oft den kurzfristigen Interessen der Finanzmärkte unterordnet. Und einer Gesellschaft die mehr bezahlt als sie bekommt, wenn zur gleichen Zeit Gelder lustig in aller Welt verteilt werden, auch das sehen die Menschen! Eine Gesellschaft, die das Produzieren verlernt, verliert mehr als Fabriken. Sie verliert Gestaltungsmacht, soziale Stabilität und wirtschaftliche Souveränität. Wer den industriellen Kern preisgibt, riskiert eine Spaltung zwischen einem wachsenden öffentlichen Sektor und einem schrumpfenden privaten Wertschöpfungsbereich – mit allen sozialen Spannungen, die daraus entstehen.

Meine Schlussfolgerung:

Der Rückgang des produzierenden Gewerbes in Rheinland-Pfalz ist ein gesellschaftspolitisches Alarmsignal. Es zeigt, wie sich Branchen verändern – und wie sich damit auch Gesellschaften neu formen, oft zulasten von Stabilität und sozialem Zusammenhalt. Eine zukunftsfähige Wirtschaftspolitik muss industrielle Arbeitsplätze sichern, regionale Wertschöpfung stärken und den Menschen wieder das Gefühl geben, dass Arbeit Anerkennung, Sicherheit und Perspektive bietet.

Nicht Dienstleistung gegen Industrie, sondern Industrie als Voraussetzung für eine starke Gesellschaft – das ist der Maßstab, an dem sich Politik messen lassen muss.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen