Liebe Leser,
einige von euch waren ja gestern Abend in meinem Livestream, erstmal vielen Dank dafür. Diese Diskussion bzw. mein Vortrag und die Anschließende Diskussion geben Hoffnung das viele von uns mit ihren Ideen und Empfinden nicht allein sind. Ich habe noch lange darüber nachgedacht warum so viele diese Gedanken teilen und im Hoch waren wir 75 Leute im Stream, gesamt waren 340 Leute dabei. Aber warum empfinden wir so ?
Ich denke gern an die Welt vor dem Einschlag – Als sich die Welt vor dem 11. September 2001 auf dem Peak der Zivilisation befand. Es gibt Daten welche tatsächlich die Geschichte ordnen. Und es gibt Daten, die Geschichte teilen. Der 11. September 2001 gehört zur zweiten Kategorie. Natürlich war die Welt vor diesem Tag nicht friedlich. Es gab die Jugoslawienkriege, den Völkermord in Ruanda, Terroranschläge, Armut, Rassismus, politische Krisen und unzählige persönliche Tragödien. Wer behauptet, bis 2001 sei die Welt ein Paradies gewesen, betreibt Nostalgie und keine vorurteilsfreie Geschichtsschreibung. Dennoch zeichnet dieses Datum, inklusive seiner Vorgeschichte einen Wendepunkt in unserer Weltgeschichte ab! Die letzten Jahre vor dem 11. September 2001, grob die Zeit zwischen Mitte der Neunziger und dem Sommer 2001, waren zumindest aus westlicher Perspektive ein außergewöhnlicher Moment der kulturellen, technologischen und gesellschaftlichen Balance. Vielleicht sogar unser „Peak Civilization“. Nicht, weil damals alles besser war. Sondern weil für einen kurzen Augenblick erstaunlich viele Dinge gleichzeitig richtig dosiert waren. Die Zukunft im Sommer 2001 war noch etwas, auf das man sich freute... hatten wir doch auch gerade das Millennium hinter uns gelassen :-) Die vielleicht größte Veränderung zwischen damals und heute lässt sich schwer in Zahlen ausdrücken: Es ist das Lebensgefühl welches diese Zeit bestimmte. Ende der Neunziger roch die Zukunft doch nach puren und ehrlichen Möglichkeiten. Ich meine der Kalte Krieg war vorbei. Die beschissene Berliner Mauer war Geschichte. Europa wuchs zusammen. Wir jungen Leute reisten mit Interrail durch einen Kontinent, dessen Grenzen zunehmend verschwanden. Der Euro stand vor der Einführung und trotz all seiner Schwächen und der berechtigten Kritik, es war aufregend. Ich meine wie viele Generationen erleben schon eine Währungsreform. Das Internet verbreitete sich. Und Soziale Netzwerke waren noch nicht Teil der Kinderzimmer. Wir klingelten um Kontakt zu halten. Computer wurden schneller. Mobiltelefone kleiner. Spiele dreidimensional. Die PS1 hauchte den letzten Atem seiner "New Ära" aus, während die PS2 mit integriertem DVD Player unsere Zimmer revolutionierte. Lara Croft wurde die Heldin unserer Abende und wer verzweifelte nicht an so mancher Höhlenmission. Musik wurde digital, CDs wurden gekauft... digitalisiert und in für uns damals, "gigantischen" Mp3 Hosentaschenbibliotheken herumgeschleppt. Musik wurde getauscht und kopiert und zerstörte damit auch für lange Zeit die Musikindustrie. Machte uns aber auch freier und öffnete die Welt. Man hatte durchaus Angst vor der Zukunft, Stichwort: "Jahr-2000-Problem", aber selbst diese Angst hatte etwas beinahe Charmantes. Um Mitternacht sollte vielleicht der Computer abstürzen. Heute diskutieren wir über künstliche Intelligenz, Cyberkrieg, Desinformation, Pandemien, Klimakrisen und geopolitische Eskalation. Damals stellte man sich das Jahr 2020 mit fliegenden Autos vor. Wie albern wenn man zurückblickt. Heute fragen sich viele eher, welche Krise 2027 als Nächstes bringt. Das ist ein gewaltiger kultureller Unterschied. Die Technologie hatte ihren vielleicht menschlichsten Moment erreicht, beeindruckend, bunt und sie diente zur Unterhaltung und Konsum war aufregend herzlich! 1999 war Technik bereits beeindruckend, aber sie hatte uns noch nicht vollständig verschluckt. Man konnte einen Computer besitzen, im Internet surfen, E-Mails schreiben, ICQ benutzen und trotzdem offline sein. Und „offline“ war kein Zustand, den man bewusst herstellen musste. Man war einfach weg. Wer das Haus verließ, war nicht permanent erreichbar. Niemand erwartete innerhalb von drei Minuten eine Antwort. Niemand konnte sehen, wann man zuletzt online gewesen war. Niemand wusste, wo man sich befand, sofern man es ihm nicht erzählte. Einfach schön. Das Handy war Werkzeug und Spielzeug zugleich. Nokia brachte Geräte heraus, die telefonieren, SMS verschicken und Snake spielen konnten. Mehr musste ein Telefon nicht können. Warum auch ? Das Internet wiederum war noch ein Ort, den man besuchte. Den man bewusst entdeckte, ein Abenteuer. Man setzte sich an den Rechner. Das Modem machte Geräusche, als würde R2-D2 beim Zahnarzt sterben, und anschließend war man im Netz. Ein Traum durch 56k!
Das Entscheidende aber daran: Das Internet war noch nicht die Welt.
Heute sind Internet und Realität kaum noch voneinander zu trennen. Beziehungen, Politik, Nachrichten, Arbeit, Partnersuche, Unterhaltung, Einkaufen und soziale Anerkennung laufen über dieselben Geräte. Damals konnte man den Rechner ausschalten. Und dann war Ruhe. Vielleicht lag genau dort ein technologischer Sweet Spot: genug Technik, um das Leben spannender und komfortabler zu machen, aber noch nicht genug, um jeden freien Augenblick zu besetzen. Popkultur war tatsächlich Kultur. Auch popkulturell wirken die späten Neunziger und das Jahr 2000 heute beinahe absurd dicht. Kino war gesellschaftliches Ereignis und ich geb zu ist es für mich auch heute noch! „Titanic“, „Matrix“, „Fight Club“, „American Beauty“, „The Sixth Sense“, „Saving Private Ryan“, „Gladiator“, „American Pie“, „The Blair Witch Project“ – völlig unterschiedliche Filme wurden zu kulturellen Referenzpunkten. Wer hätte gedacht das man sich mal die Blaue und Rote Pille wünschen würde ... 1999 allein liest sich rückblickend wie ein Cheatcode der Filmgeschichte. Im Fernsehen liefen Serien, über die am nächsten Morgen tatsächlich Millionen Menschen gleichzeitig redeten. „Friends“, „The X-Files“, „South Park“, „Buffy“, „Die Simpsons“ und später „Die Sopranos“ existierten nicht als winzige Ausschnitte eines unendlichen Streamingangebots. Popkultur war stärker gemeinschaftlich. WIR erlebten es zusammen!
Wenn am Sonntagabend ein bestimmter Film im Fernsehen lief, sahen ihn Millionen gleichzeitig. Heute besitzt jeder theoretisch Zugriff auf nahezu die gesamte Kulturgeschichte und trotzdem erleben wir immer weniger davon gemeinsam. Ist das nicht traurig ?
Das ist das Paradox unserer Gegenwart: Wir haben mehr Auswahl als jemals zuvor und weniger gemeinsame kulturelle Bezugspunkte. Und dann die Musik! Vielleicht merkt man den Unterschied nirgendwo deutlicher. Die späten Neunziger waren musikalisch keineswegs einheitlich. Genau das machte sie interessant. Metallica stand neben Britney Spears. The Offspring neben den Backstreet Boys. Eminem neben Rammstein. Blink-182 neben Madonna. Limp Bizkit, Korn und Slipknot machten schwere Gitarrenmusik plötzlich massentauglich. Gleichzeitig liefen Eurodance, Techno, Hip-Hop, Punkrock, Alternative, Boybands und Pop nebeneinander. MTV bedeutete noch „Music Television“. VIVA ebenfalls. Ein Musikvideo konnte ein Ereignis sein. Heute nur noch Youtube Massenware und Morgen schon vergessen. Man wartete darauf, dass ein bestimmter Song im Radio lief, um ihn auf Kassette aufzunehmen und hoffte verzweifelt, dass der Moderator nicht wieder in die letzten fünf Sekunden hineinlaberte. Man ging in Plattenläden. Man kaufte CDs. Man las Booklets. Man kannte Produzenten, Studios und Danksagungen, weil man die verdammte Hülle hundertmal in der Hand gehabt hatte. Musik hatte dadurch eine physische Dimension. Unsere Platten gehörten einem nicht deshalb, weil irgendeine App einen Lizenzvertrag mit einem Rechteinhaber besaß.
Sie lag im Regal. Bei mir bis heute! Sie hatte Kratzer. Sie hatte Erinnerungen. Die letzte analoge Generation lebte bereits digital Vielleicht ist das der eigentliche Grund, warum die Zeit um 2000 so viel ehrlicher und besser waren. Analog und digital existierten gleichzeitig. VHS und DVD. Kassette und MP3. Festnetz und Handy. Brief und E-Mail. Fotoalbum und Digitalkamera. Plattenladen und Napster. PlayStation und Fußballplatz. Internet und echtes Verschwinden. Man konnte die Vorteile der digitalen Revolution erleben, ohne bereits vollständig von ihren Nebenwirkungen abhängig zu sein.
Das macht diese wenigen Jahre technologisch einzigartig.
1990 war die digitale Welt noch zu klein. 2010 war sie bereits allgegenwärtig. Aber um 2000 standen wir genau auf der Brücke zwischen beiden Welten. Wir hatten Langeweile und das war auch mal großartig Ein unterschätzter Luxus dieser Zeit war Langeweile. Wenn man auf den Bus wartete, wartete man auf den Bus. Man betrachtete Menschen. Las die Werbung an der Haltestelle. Trat gegen einen Stein. Dachte nach. Oder langweilte sich einfach zehn Minuten lang. Heute existiert praktisch keine unfreiwillige Leerstelle mehr. Dreißig Sekunden an der Supermarktkasse? Handy raus. Zwei Minuten im Fahrstuhl? Handy raus. Werbung im Fernsehen? Handy raus. Das Smartphone hat Langeweile nahezu abgeschafft. Aber Langeweile war niemals nur nutzlose Zeit. Sie war der Raum, in dem Gedanken entstanden. Man musste sich selbst beschäftigen. Man rief jemanden an. Man ging raus. Man spielte Musik. Man zeichnete. Man baute irgendeinen Unsinn. Wir haben heute praktisch unbegrenzte Unterhaltung in der Hosentasche. Wie ätzend ist das bitte ! Und ausgerechnet deshalb scheint es manchmal schwieriger geworden zu sein, sich wirklich unterhalten zu fühlen. Die Welt war größer
Wer 1998 wissen wollte, wie eine Kneipe in Oslo aussieht, musste hinfahren. Wer wissen wollte, wie Tokio nachts aussieht, kannte vielleicht ein paar Bilder aus Filmen und Zeitschriften. Heute kann man innerhalb von Sekunden virtuell durch fast jede Straße der Erde laufen. Das ist gruselig. denn jede gewonnene Information beseitigt gleichzeitig ein kleines Stück Geheimnis. Die Welt vor Google Maps, Street View, Instagram und TikTok besaß weiße Flecken im persönlichen Atlas. Reisen bedeutete deshalb stärker Entdeckung. Menschen konnten ebenfalls geheimnisvoller sein. Wenn man jemanden auf einer Party kennenlernte, konnte man nicht auf der Toilette innerhalb von drei Minuten dessen halbe Biografie recherchieren. Man musste reden.
Dann kam der 11. September! Und hier endet diese seltsame Zwischenzeit. Die Anschläge vom 11. September 2001 waren selbstverständlich nicht die einzige Ursache aller folgenden Entwicklungen. Geschichte funktioniert nicht so einfach. Aber sie wurden zum symbolischen Ende einer Epoche.
Plötzlich dominierte eine andere Sprache die Nachrichten: Terrorismus. Al-Qaida. Afghanistan. Irak. Homeland Security. Überwachung. Sicherheitskontrollen. Krieg gegen den Terror. Biometrische Pässe. Terrorwarnstufen. Der Optimismus der Neunziger bekam einen gewaltigen Riss. Und starb! Flughäfen wurden zu Sicherheitszonen. Staaten bauten Überwachungsmöglichkeiten aus. Außenpolitik wurde wieder stärker von Krieg, Terror und Sicherheitsfragen bestimmt. Die Zukunft hatte plötzlich ihre Unschuld verloren. Und weitere Einschnitte folgten. Finanzkrise, Eurokrise, Arabischer Frühling und seine Folgen. Flüchtlingskrise. Brexit. Corona. Ukrainekrieg. Inflation. Neue geopolitische Blockbildung.
Währenddessen verwandelte sich das Internet von einem anarchischen digitalen Abenteuerspielplatz in eine gigantische Infrastruktur aus Plattformen, Algorithmen, Werbung und Datensammlung. Aus der persönlichen Homepage wurde der Social-Media-Account. Aus dem Forum wurde der Feed. Aus „Ich suche etwas im Internet“ wurde „Der Algorithmus entscheidet, was ich als Nächstes sehe“. Der Preis der permanenten Vernetzung. Ich sag euch, das Internet von 2000 war langsam und chaotisch. Es war schwer zu durchforsten und auch teuer. Aber es hatte einen Vorteil: Es war dezentraler. Heute konzentriert sich ein gewaltiger Teil unserer digitalen Aufmerksamkeit auf wenige Plattformen. (Auch ein Grund warum ihr meine Inhalte nur noch exklusiv hier findet!) Und deren Geschäftsmodell benötigt Aufmerksamkeit. Empörung erzeugt Aufmerksamkeit. Diese Angst erzeugt Aufmerksamkeit. Euer Konflikt erzeugt Aufmerksamkeit. Damit entstand eine Maschine, die permanent den Eindruck vermitteln kann, die gesamte Welt stehe unmittelbar vor dem Zusammenbruch. Man kann sich in seiner durch Algorithmen gebildeten Blase total verrennen ! Früher erfuhr man morgens aus Zeitung oder Radio, dass irgendwo etwas Schreckliches passiert war. Heute kann man das Ereignis innerhalb weniger Minuten aus zwanzig Perspektiven sehen, anschließend 400 Kommentare darüber lesen, sich mit einem Fremden darüber streiten und zwei Stunden später vom Algorithmus den nächsten Skandal präsentiert bekommen. Auch das macht etwas mit uns. Die Welt ist dadurch nicht zwangsläufig überall gefährlicher geworden. Aber sie ist psychologisch näher gekommen. Es belastet uns denn, jede Katastrophe der Erde passt heute in unsere Hosentasche.
Zurück zum Peak der Zivilisation!
Für mich ist die Formulierung nicht übertrieben. Medizinisch, wissenschaftlich und technologisch wäre es zwar Unsinn zu behaupten, die Menschheit habe 2001 ihren objektiven Höhepunkt erreicht. Heute können wir Dinge, die damals Science-Fiction gewesen wären. Ein Smartphone ersetzt Telefon, Kamera, Videokamera, Navigationsgerät, Walkman, Lexikon, Zeitung, Fernseher, Taschenrechner, Stadtplan und halbes Büro. Wir können innerhalb von Sekunden mit Menschen auf anderen Kontinenten sprechen. Medizinische Behandlungen haben sich verbessert. Wissen ist in einem Umfang verfügbar, von dem frühere Generationen nur träumen konnten. Aber vielleicht besteht Fortschritt nicht ausschließlich darin, was technisch möglich ist. Ich finde wir sollten uns heute auch fragen:
Wie viel davon tut uns gut? Und unter diesem Gesichtspunkt lässt sich meine These, meine persönliche Sicht und Einordnung vom „Peak Civilization“ zumindest verstehen. Die Welt um 1999 oder 2000 hatte bereits viele Annehmlichkeiten der Moderne. Aber sie hatte noch analoge Rückzugsräume. Wir hatten "dieses Internet" aber kein Internet rund um die Uhr. Social Media und die das Internet hatten jedoch nicht uns! Wir hatten Handys aber keine permanente Erreichbarkeit. Wir entdeckten digitale Musik gingen aber noch leidenschaftlich in Plattenläden und das mache ich bis heute. Wir hatten Computerspiele aber noch keinen permanenten Online-Zwang. Physische Medien zum anfassen statt Downloads die uns vom Betreiber abhängig machten! Und ich hasse es das heute alles nur noch mit Internetzugang gestartet und gespielt werden kann! Warum Sony ? WHY ?
Wir hatten internationale Nachrichten aber keinen endlosen Doomscrolling-Feed durch dämlich Videos und Bilder die unseren Geist abstumpfen lassen. Wir hatten natürlich auch Globalisierung aber noch das Gefühl, dass die Welt groß war. Und wir noch viel entdecken konnten! Wir hatten kunterbunte Technik aber die nun farblose Technik hatte noch nicht unsere gesamte Aufmerksamkeit kolonisiert.
Vielleicht vermissen wir deshalb nicht die Neunziger. Wir vermissen das Verhältnis zur Welt. Natürlich spielt Nostalgie eine Rolle. Klar. Wer damals jung war, erinnert sich an Freunde, erste Partys, erste Konzerte, Sommerferien, Videotheken, Freibäder, verrauchte Jugendzentren, Bravo, MTV, Game Boy, PlayStation, VHS-Kassetten und das Geräusch eines Modems. Das eigene Leben war einfacher, weil es echt war. Weil die Menschen noch echt waren. Diesen Faktor darf man nicht unterschlagen. Aber Nostalgie erklärt nicht alles. Es gab tatsächlich strukturelle Unterschiede. Privatsphäre war normaler. Unerreichbarkeit war akzeptiert. Popkultur war gemeinschaftlicher und kreativer. Technologie verlangte weniger permanente Aufmerksamkeit. Das Internet war weniger zentralisiert aber machte uns freier. Und die westliche Gesellschaft lebte nach dem Ende des Kalten Krieges für einige Jahre in einer ungewöhnlich optimistischen historischen Zwischenphase mit Metal, Punk und EUrodance. Vielleicht war das die eigentliche Besonderheit. Wir standen zwischen zwei Zeitaltern. Hinter uns lag die analoge wunderschöne Welt des 20. Jahrhunderts. Vor uns lag die kalte vollständig vernetzte Welt des 21. Jahrhunderts. Und für ein paar Jahre hatten wir das Beste aus beiden.
Der letzte Sommer der alten Welt Deshalb wirkt der Sommer 2001 rückblickend so merkwürdig. Mir fehlt diese Welt oft, euch auch ? Mir fehlen MTV, ICQ, LAN-Partys, Freibäder ohne Gewalt und Angst, Internet-Cafés und Videotheken.
Man verabredete sich um acht Uhr irgendwo und wer um acht Uhr nicht dort war, war eben nicht dort. Keine dauernden Live-Standorte. Keine nervenden Push-Nachrichten. Kein ungewollter Feed. Keine Story die uns mehr ausschließt und langsam aus den Leben der anderen entfernt. Kein permanentes Publikum das neuen "Content" braucht um zu wissen das es dich gibt. Das Leben musste nicht dokumentiert werden, um stattgefunden zu haben.
Dann kam der Morgen des 11. September 2001.
Zwei Flugzeuge flogen in das World Trade Center. Ich war damals wie erstarrt vor dem TV. Ein weiteres traf das Pentagon. Ein viertes stürzte in Pennsylvania ab. Fast 3.000 Menschen wurden getötet. Die Türme welche in meinem Leben immer in der Skyline von NEW York über den Bildschirm flimmerten verschwanden. Und mit ihnen verschwand nicht buchstäblich die ruhige, bunte und fröhliche Welt der Neunziger. Der 10. September 2001 war vielleicht der letzte Tag einer Epoche, in der der Westen glaubte, seine größten Konflikte lägen hinter ihm und seine aufregendsten Möglichkeiten noch vor ihm. Danach begann das 21. Jahrhundert wirklich. Vielleicht waren die Jahre davor deshalb objektiv die beste Zeit der Menschheitsgeschichte. Der kurze Augenblick, in dem Technologie bereits Freiheit bedeutete, ohne permanente Abhängigkeit zu bedeuten; Globalisierung Abenteuer versprach, ohne jede Entfernung aufzulösen; Popkultur riesig war, ohne vollständig algorithmisiert zu sein; und Zukunft für viele Menschen eher nach Verheißung als nach der nächsten Krise klang.
Vielleicht war das nicht für alle der Peak der Zivilisation.
Vielleicht war es nur der perfekte Zwischenstand.
Aber verdammt für mich fühlte es sich tatsächlich so an!
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