Liebe Leser,
wusstet ihr das? Es war am Nachmittag des 28. Oktober 1960 als in der Bundeshauptstadt Bonn, im gläsernen Abgeordnetenhochhaus geschäftiges Treiben herrschte, als plötzlich Kriminalbeamte das Büro des SPD-Bundestagsabgeordneten Alfred Frenzel betraten. Was wie eine Routineüberprüfung wirkte, entpuppte sich Sekunden später als ein politisches Erdbeben. Frenzel wird wegen des dringenden Verdachts des Landesverrats verhaftet. Es ist der Beginn eines der brisantesten Spionageskandale in der noch jungen Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Frenzel ist kein Unbekannter. Als sudetendeutscher Heimatvertriebener, wie es auch meine Vorfahren waren, genießt er in seiner Fraktion hohes Ansehen. Er ist Mitglied des hochsensiblen Verteidigungsausschusses, hat Zugang zu den am strengsten gehüteten militärischen Geheimnissen des Landes und kennt die Rüstungspläne der NATO im Detail. Doch hinter der Fassade des pflichtbewussten Volksvertreters verbirgt sich eine tragische und zugleich gefährliche Doppelidentität. Jahre zuvor war Frenzel in das Visier der tschechoslowakischen Staatssicherheit (StB) geraten. Der östliche Geheimdienst hatte seine Schwachstellen präzise analysiert. Eine verschwiegene Vorstrafe wegen Kokainbesitzes aus den 1920er-Jahren und Unregelmäßigkeiten in seiner Biografie boten die perfekte Angriffsfläche für eine gnadenlose Erpressung. Um sein bürgerliches Leben und seine politische Karriere zu retten, bricht Frenzel ein Tabu. Unter dem Decknamen „Anna“ wird der Abgeordnete zu einer der wertvollsten Quellen des Ostblocks. Über Jahre hinweg schleust er im ledernen Aktenkoffer hochgeheime Dokumente aus den Ausschusssitzungen. Er fotografiert geheime Pläne der Bundesluftwaffe, liefert Budgets des Verteidigungshaushalts und verrät taktische NATO-Konzepte. Mitten im Kalten Krieg. Die Spione in Prag reiben sich die Hände, sie wissen über die westdeutsche Wiederbewaffnung oft schneller Bescheid als manche Minister in Bonn. Doch das doppelte Spiel fliegt schließlich auf. Amerikanische Geheimdienste registrieren ein massives Datenleck im Bonner Staatsapparat. Der bundesdeutsche Verfassungsschutz schaltet sich ein, damals noch ganz ohne Facebook... LOL, observiert den Abgeordneten auf Schritt und Tritt und schlägt schließlich im Moment der Übergabe unbarmherzig zu.
Die Festnahme erschüttert das Vertrauen in die Sicherheit der Republik bis ins Mark. Der anschließende Prozess im Jahr 1961 deckt das ganze Ausmaß des Verrats auf. Frenzel wird zu einer drakonischen Strafe von 15 Jahren verurteilt. Seine Verhaftung bleibt ein Mahnmal für die Verwundbarkeit der Demokratie im Kalten Krieg, ein Lehrstück über Erpressung, Verrat und die unsichtbaren Fronten zwischen Ost und West, die selbst vor den Türen des Parlaments nicht haltmachten. Schlimme Zeiten. Wie erschreckend dass sie aktuell wieder zurückkehren...

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