Liebe Leser,
wusstet ihr das ? Rückblich ... Es ist der 2. Oktober 1984. Weit abgelegen in der kargen Steppe der Kasachischen Sowjetrepublik wirbelt der warme Wind der letzten Herbsttage Staub auf, während am Himmel eine Kapsel an ihren gewaltigen Fallschirmen der Erde entgegengleitet. An Bord der Raumfähre Sojus T-11 befinden sich drei tapfere Männer, die in diesem Moment lebende Geschichte schreiben: Kommandant Leonid Denissowitsch Kisim, Bordingenieur Wladimir Alexejewitsch Solowjow und der Bordarzt und Forschungskosmonaut Oleg Jurjewitsch Atkow. Hinter diesen Männern liegt eine absolut krasse Odyssee. Während der sowjetischen Mission Saljut 7 EO-3 haben sie unglaubliche 237 Tage, fast acht Monate in der permanenten Schwerelosigkeit an Bord der Raumstation Saljut 7 verbracht. Einfach nur heftig. Als die Kapsel mit einer harten Erschütterung aufsetzt, bricht für die Menschheit eine neue Ära der orbitalen Weltraumforschung an. Sie haben alle bisherigen Langzeitaufenthalte im All übertroffen und bewiesen, dass der Mensch kein rein irdisches Wesen bleiben muss. Der erste Schritt zur orbitalen und multiplanetaren Rasse.
Doch die Reise der drei Kosmonauten war kein friedlicher Routineflug, sondern ein nervenaufreibender Kampf gegen die Tücken der Technik und die unerbittliche und menschenfeindliche Isolation des Kosmos. Die sowjetische Station Saljut 7 war zu diesem Zeitpunkt bereits gezeichnet von den Strapazen früherer Missionen. Kurz nach der Ankunft kam es zu einer schweren Krise: Ein Defekt im Antriebssystem führte zu einem massiven Treibstoffleck in einer der Hauptleitungen. Ohne eine Reparatur drohte der Station das unkontrollierte und dramatisch unvorstellbare Ende. In spektakulären, kräftezehrenden Außenbordeinsätzen (EVAs genannt) mussten Kisim und Solowjow das Unmögliche möglich machen. Da es an der Außenhülle im Heckbereich keinerlei Haltegriffe gab, balancierten die Kosmonauten auf einer eilig konstruierten Arbeitsplattform des angedockten" Progress-Frachters". Unter extremen Bedingungen, zwischen eisiger Dunkelheit und blendendem Sonnenlicht, führten sie insgesamt fünf riskante Weltraummissionen durch, verlegten Umgehungsleitungen und montierten zusätzliche Solarpaneele, um die Energieversorgung der Station zu retten. Während Atkow von drinnen die Systeme überwachte, bewiesen seine Kollegen draußen im Vakuum eiserne Nerven. Es war die bis dahin komplexeste Reparaturmission im freien Weltraum und ein eindrucksvoller Beweis für die Improvisationskunst und Überlebensfähigkeit sowjetischer Raumfahrer. Neben den meisterhaften technischen Meisterleistungen war es vor allem die wissenschaftliche und medizinische Dimension, die diese Mission so unschätzbar wertvoll machte. Mit an Bord war erstmals ein praktizierender Kardiologe: Oleg Atkow. Seine primäre Aufgabe bestand darin, den eigenen Körper und den seiner Kameraden lückenlos zu überwachen. Bis zu diesem Zeitpunkt war völlig unklar, wie der menschliche Organismus auf eine fast dreivierteljährige Abwesenheit von der Schwerkraft reagieren würde. Drohte der irreversible Verfall von Muskeln und Knochen? Würde das Herz-Kreislauf-System versagen? Keine Simulation auf Erden hätte hier schlüssige Ergebnisse liefern können.
Atkow führte im Orbit bahnbrechende echokardiografische Untersuchungen durch und analysierte die Veränderungen des Blutvolumens und der Knochendichte unter Schwerelosigkeit. Er entwickelte maßgeschneiderte Trainingsprogramme auf schiffseigenen Laufbändern und Ergometern, um dem massiven Muskelabbau entgegenzuwirken. Diese engmaschige medizinische Begleitung war ein historischer Meilenstein auf dem bis heute die moderne Raumfahrt aufbaut, Die gewonnenen Daten lieferten der weltweiten Wissenschaftsgemeinschaft die ersten verlässlichen Erkenntnisse darüber, wie sich Langzeitaufenthalte im All auf die menschliche Psyche und Physis auswirken. Sie bewiesen, dass der menschliche Körper durch gezieltes Training und medizinische Aktionen in der Lage ist, monatelang im All zu überleben und danach erfolgreich zur Erde zurückzukehren. Die sichere Rückkehr der Besatzung von Saljut 7 EO-3 im Herbst 1984 erschütterte die Fundamente dessen, was man in der Raumfahrt für machbar hielt. Mitten im Kalten Krieg setzten die sowjetischen Forscher ein unübersehbares Zeichen. Die 237 Tage im All waren kein Selbstzweck: Sie legten den evolutionären Grundstein für alles, was folgen sollte. Ohne die Erkenntnisse dieser Mission wäre der Bau und der jahrzehntelange Betrieb der späteren permanent bewohnten Raumstation Mir und der heutigen Internationalen Raumstation (ISS) schlicht undenkbar gewesen. Kisim und Solowjow nutzten diese Erfahrungen sogar so fundamental, dass sie 1986 den historisch ersten "fliegenden Wechsel" zwischen zwei Raumstationen vollführten, als sie von der Mir zurück zur alten Saljut 7 flogen.
Für die moderne Wissenschaft ist das Erbe von 1984 das Fundament für zukünftige interplanetare Reisen. Wenn die Menschheit jemals den Mars betreten oder dauerhafte Basen auf dem Mond errichten will, muss sie Flüge bewältigen, die viele Monate oder Jahre dauern. Die Pionierarbeit von Kisim, Solowjow und Atkow hat bewiesen, dass die biologischen Barrieren des Weltalls überwindbar sind. Sie haben der Welt gezeigt, dass der Weltraum kein unerreichbarer, feindlicher Ort bleiben muss, sondern ein Arbeitsplatz und eine Heimat für die Menschheit werden kann. Ihr Flug war der finale Schritt aus der Wiege der Erde hinein in die endlose Tiefe des Kosmos. Der Weg weg vom kriegerischen Untereinander hin zur multiplanetaren Rasse als gesamte Menschheit kann nur die Antwort auf diese gesetzte Leistung der Kosmonauten sein.

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